Wittower Hochuferweg im Mai — was die Steiluferkante in einer halben Saison erzählt
Zwischen Vitt und Kap Arkona verläuft ein Stück Hochuferweg, das in den letzten zehn Jahren mehrere Hangrutschungen gesehen hat. Wir gehen ihn Anfang Mai — mit Blick auf die frisch freigespülten Schichten, die neuen Absperrungen, und das, was Geolog:innen aus der Hangbewegung lesen.
Der Wittower Hochuferweg ist nicht der berühmteste Klippenpfad Rügens — das ist die Strecke von der Stubbenkammer zum Königsstuhl. Aber er ist ehrlicher. Wer in Vitt startet und Richtung Kap Arkona läuft, geht etwa fünf Kilometer auf einer Strecke, die das Meer in den letzten drei Wintern an mehreren Stellen verändert hat. Dort, wo 2019 noch eine Bank stand, beginnt heute eine gelbe Absperrung. Wo 2022 eine kleine Aussichts-Plattform aus Lärchenholz vorsprang, steht heute ein Schild: „Wegeführung wegen Hangbewegung verlegt — bitte landeinwärts ausweichen.”
Was die Kante zeigt
Anfang Mai ist die Kreide an dieser Stelle besonders gut lesbar. Der Winterregen hat die Vegetation auf der Hangschulter zurückgehalten, die Buchenkronen am Hochuferrand sind noch nicht voll ausgetrieben. Man sieht die Schichten: Schreibkreide, darüber dünne Mergel-Lagen, oben die quartäre Decke aus Geschiebemergel. An den frischeren Bruchkanten lassen sich kleine schwarze Feuersteinknollen erkennen — die im Mergel eingelagerte Belemniten-Fragmente sind aus zwei Meter Entfernung noch zu zählen.
Der Hang an dieser Stelle bewegt sich kontinuierlich, nur unterschiedlich schnell. Nach einem nassen Winter rutscht die quartäre Decke gerne in größeren Schollen ab, dann liegt unten am Strand für einige Wochen ein frischer Geschiebemergel-Kegel mit feuchten Findlingen darin. Im Sommer trocknet die Kreide rissig, Spannungen bauen sich auf, und einzelne Türme oder Wandstücke fallen — manchmal beobachtet, oft nicht.
Was eine Wegewart:in im Mai notiert
Wir gehen die Strecke mit Stefanie Lessmann, die für die Wegeunterhaltung dieses Abschnitts zuständig ist. Sie führt einen schmalen Notizblock mit, in den sie nach jedem Begang einen Status pro Wegekilometer einträgt. Ihre Notation im Mai 2026:
- Km 0,3: Absperrung intakt, Hangkante 2,40 m vor Wegmarke
- Km 1,1: neue Riss-Bildung quer zum Weg, vorerst beobachten
- Km 1,8: Buche umgefallen, Wurzelteller hochgestellt, Sicht auf Steilufer frei
- Km 2,2: alte Aussichtskanzel demontiert, neue Position 12 m landeinwärts markiert
- Km 3,5: stabil
- Km 4,1: Schwalbenkolonie im freigelegten Mergel, kleinräumig sperren bis Brutende
Diese Listen wandern monatlich an das Amt, das daraus die Saisonarbeiten plant. Was im Tourismusmaterial als „spektakulärer Kreideklippenweg” steht, ist in dieser Lesart ein laufendes Bauamt unter freiem Himmel — und genau das macht es interessant.
Wanderfalken über der Kante
Auf etwa Kilometer 3 stehen wir lange. Hier nistet seit 2017 ein Wanderfalken-Paar in einer Spalte etwa fünfzehn Meter unterhalb der Hangoberkante. Frühmorgens und am späten Nachmittag sieht man von oben, wenn man sich vorsichtig dem markierten Aussichtsfenster nähert, das Männchen über dem Bodden kreisen — auf der Suche nach mittelgroßen Beutevögeln, meist Tauben oder Stare. Lessmann zählt die Anflüge: drei in zwanzig Minuten ist ein normaler Wert für diese Tageszeit, fünf eher viel. Im April hat es einen Tag mit elf Anflügen gegeben, was sie als „Brutbeginn mit Hunger” interpretiert.
Wanderfalken brauchen Steilkanten. Sie brauchen das, was Touristik-Material als „schroff” bezeichnet — und Wegeunterhaltung als Sicherungs-Aufgabe. Diese Spannung ist dem Wittower Abschnitt eingeschrieben: jede neue Absperrung, die einen Wanderer einen Schritt zurücksetzt, lässt der Falke einen Brutplatz mehr.
Praktische Notizen
Wer den Abschnitt im Mai begehen möchte: feste Schuhe, weil die Wegekante nach Regen rutschig wird. Keine Hunde von der Leine an Kilometer 3, wegen der Falken. Wasser für vier Stunden, weil zwischen Vitt und Kap Arkona kein Einkehrpunkt liegt, der zuverlässig öffnet. Die Strecke ist nicht im engen Sinne anstrengend, aber sie verlangt Aufmerksamkeit — die Hangkante ist näher am Pfad, als die meisten Wanderkarten suggerieren.
Wer Geologie mitlesen will, nimmt einen einfachen Schichten-Spickzettel mit (Schreibkreide unten, Mergel mittig, Geschiebemergel oben) und hält an drei oder vier Stellen länger inne als an den Aussichtspunkten. Die spannendsten Schnitte liegen nicht da, wo das Schild „Aussicht” steht, sondern dort, wo der Weg eine leichte Senke macht und der Hang frischer aussieht als das umgebende Gelände.
Das nächste Heft kommt aus Mukran-Süd — wir gehen die Promenadenarchitektur der späten Bäderstil-Welle ab.