Lebbiner Bodden im Vogelzug — eine Frühschicht am Schilfrand
An einem Donnerstag Anfang Mai zählen wir mit Bernd Marquardt vom Naturschutzbund zwei Stunden lang Vögel am Lebbiner Bodden. Ergebnis nach 120 Minuten: 47 Arten, drei davon Erstnachweise der Saison. Wir notieren die Liste und erzählen, was die Bodden-Wasserlandschaft im Mai so produktiv macht.
Es ist 5:18 Uhr, als wir am südlichen Schilfrand des Lebbiner Boddens auf eine kleine Plattform aus alten Eichenbohlen steigen. Bernd Marquardt hat das Stativ schon aufgebaut, das Spektiv steht, der dampfende Kaffee ist auf dem Holzgeländer abgestellt. „Wir machen zwei Stunden, dann ist der Morgenzug durch”, sagt er, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen. „Heute könnte gut werden. Wind aus Nordost in der Nacht, das schiebt die Limikolen unsere Seite.”
Die Methodik in zwei Sätzen
Marquardt zählt nach einer einfachen Regel: jede Art einmal eintragen, Maximalzahl der gleichzeitig sichtbaren Individuen, plus Notiz, ob es sich um durchziehende Schwärme oder lokale Brutvögel handelt. Sein Heft ist quadriert, in der linken Spalte das Artkürzel auf vier Buchstaben (SCEN für Schwarzkehlchen, BLAR für Blaureiher), in der mittleren die Zahl, in der rechten ein Kürzel für Verhalten (Z = durchziehend, R = rastend, B = brütend, F = futtersuchend). Diese Notation passt auf eine Seite pro Stunde.
Was er gleich nach dem Aufstellen sieht, geht ohne Spektiv. Direkt am Schilfrand vor uns, in vielleicht acht Metern Entfernung, sitzt eine kleine Gruppe Bartmeisen — drei Männchen, zwei Weibchen, ständig in Bewegung zwischen den Schilfhalmen. Sie sind hier Standvogel, das ist kein Zugbeobachtungsergebnis, aber sie gehen als erste in die Liste, weil Marquardt jeden Termin mit den lokalen Brütern anfängt. „Wenn ich die nicht zähle, vergesse ich sie.”
Die Liste nach 120 Minuten
Was hier folgt, ist die Frühschicht-Liste vom 7. Mai 2026, ungekürzt:
- Bartmeise (5, B)
- Rohrweihe (1 ♂, F — über dem Schilfgürtel langsam segelnd)
- Kornweihe (1 ♀, Z — niedrig nach Südwest)
- Seeadler (1 ad, F — saß lange auf dem Sturmwurfast hinter uns)
- Schilfrohrsänger (8, B)
- Drosselrohrsänger (3, B — laute Gesangsphase)
- Teichrohrsänger (12+, B)
- Blaukehlchen (1 ♂, B — am Übergang Schilf zu Salzwiese)
- Knäkente (4 Paare, R)
- Krickente (15+, R)
- Schnatterente (8 Paare, B)
- Reiherente (~30, R)
- Tafelente (12, R)
- Brandgans (2 Paare, B)
- Graugans (mehrere Familien mit Pulli, B)
- Höckerschwan (3 Paare, B)
- Singschwan (4 Z — spätes Zug-Ereignis, ungewöhnlich)
- Großer Brachvogel (6 Z, hohe Position, ostwärts)
- Kiebitz (12, B)
- Säbelschnäbler (3, R — erster Mai-Nachweis dieses Jahr)
- Rotschenkel (4, F)
- Grünschenkel (2, Z)
- Bekassine (8, R)
- Steinwälzer (2, Z — selten am Bodden, eher Außenküste)
- Flussseeschwalbe (5, F)
- Trauerseeschwalbe (3, F — erster Saison-Nachweis)
- Lachmöwe (~40, R+B)
- Sturmmöwe (~25, R)
- Silbermöwe (10, R)
- Mantelmöwe (1 ad, R)
- Heringsmöwe (1, R)
- Eisvogel (2, F — schnelle Querflüge)
- Schwarzmilan (1, Z — selten, dritter Mai-Nachweis 2026)
- Rotmilan (2, F)
- Mäusebussard (1, F)
- Sperber (1, Z)
- Turmfalke (1, F)
- Wachtelkönig (1, B — Gesang aus der Salzwiese)
- Wasserralle (2, B — Stimme)
- Tüpfelsumpfhuhn (1 ♂, B — erster Saison-Nachweis, dritte Art für die Liste)
- Schwarzkehlchen (3, B)
- Wiesenpieper (8+, B)
- Feldlerche (überall, B)
- Bluthänfling (6, F)
- Bachstelze (4, B)
- Schafstelze (3, B)
- Pirol (1, B — aus dem Erlenbestand südlich)
- Nachtigall (2, B — Gesang)
47 Arten. Drei davon Saison-Erstnachweise (Trauerseeschwalbe, Säbelschnäbler, Tüpfelsumpfhuhn). Der Singschwan-Zug ist ungewöhnlich spät; Marquardt vermerkt das mit einem kleinen „?” am Rand. Wir trinken kurz aus, dann ist es 7:20 Uhr und der Morgenzug schwächt ab.
Was den Bodden im Mai so produktiv macht
Marquardt erklärt es im Rückweg in einem Satz: „Brackwasser, flach, große Fläche, Schilfgürtel intakt, wenig Störung am Westufer.” Jede dieser Eigenschaften steht für eine Vogelgruppe: brackig für die Salztoleranten (Säbelschnäbler, Brandgans), flach für die wattenden Limikolen, große Fläche für die Rastenten in größeren Schwärmen, Schilf für die Schilfsänger und Rohrhühner. Wenig Störung am Westufer für die scheueren Arten, deren Brutgebiet eine größere ungestörte Pufferzone braucht — Seeadler, Wachtelkönig, Tüpfelsumpfhuhn.
Wer den Lebbiner Bodden selbst besuchen will, sollte das frühmorgens tun, zu Fuß ankommen, kein Hund, möglichst kein helles Funktionsjackenrascheln. Die Plattform, von der wir gezählt haben, ist öffentlich zugänglich — aber an Tagen mit vielen Besuchern verlieren die Zählungen ihre Aussagekraft, weil scheue Arten dann gar nicht erst landen.
Marquardt zählt hier seit zwölf Jahren. Sein Heft füllt sich, der Bodden bleibt produktiv. Im nächsten Heft ein längerer Text über den Schilfschnitt im Spätwinter und warum er die Brutsaison im Mai erst möglich macht.